Ich habe einen Traum

Gilberto Gil

Gilberto Gil, 63, ist brasilianischer Kulturminister, Sänger und Komponist. Mitte der sechziger Jahre vom Bossa Nova inspiriert, begründete er mit seinem Weggefährten Caetano Veloso den Tropicalismo. Die beiden provozierten die herrschende Militärjunta, wurden inhaftiert, schließlich ausgewiesen und verbrachten drei Jahre im Exil. Nach dem Ende der Diktatur saß Gilberto Gil für die Grünen im Stadtrat von Salvador da Bahia. Seit 2003 ist er Mitglied der Regierung von Präsident Inácio Lula da Silva. Hier erzählt er davon, warum er ein Rebell geblieben ist.

Es gibt Tage, da kann ich sagen: Ich habe geschlafen. Und zugleich: Ich habe nicht geschlafen. Ich habe meditiert. Es kann sein, dass ich nicht schlafe, aber zugleich träume. Die Grenze zwischen Traum und Meditation ist sehr schmal. Bei der Meditation folge ich keiner bestimmten Methode mehr. Ich habe vier, fünf verschiedene ausprobiert. Zwei indische Meister gaben mir Mantras, die ich lange Zeit kultiviert habe. Am Ende gab ich alle Methodik auf, indem ich die Meditation sich selbst offenbaren ließ. Ich gehe so weit zu sagen, dass ich nicht mehr bewusst meditiere. Meditation ist eine Geisteshaltung geworden. Manchmal meditiere ich schlafend, manchmal erlaube ich einfach dem Strom von Raum und Zeit, meinen Gedanken Gestalt zu geben. Meditation heißt: der Dinge gewahr werden.

Gelegentlich wache ich freitags auf und denke: Heute ist Freitag, heute sollte ich weiße Kleidung tragen, so wie es im Candomblé-Glauben üblich ist. Heute muss ich meinen Vorfahren Ehre erweisen. Aber bisweilen sage ich auch einfach: nein. Dann ziehe ich es vor, Schwarz zu tragen, wenn man von mir Weiß erwartet. Und sei es nur, um zu zeigen, dass die Regel die Ausnahme ist. Von Zeit zu Zeit ist es gut, deinen eigenen Glauben zu verneinen, deine Begierden, deine Götter. Religionen haben für mich einen kulturellen Wert. Und damit ist es gut.

Provokationen gehören zu meinem Leben. Auch wenn jetzt manche Leute sagen, früher hätte ich mit Steinen geworfen, heute säße ich im Glashaus. Ich war einer, der das System herausfordert. Ein Rebell, der jede Konvention ablehnt. Das war die Zeit, als ich Steine warf. Heute, als Mitglied der Regierung, verspüre ich trotzdem gelegentlich noch Lust, einen kleinen Stein zu nehmen und ihn übers Dach kullern zu lassen. Diese Dualität ist meine Natur.

Es gibt einen philosophischen Gedanken, den sowohl die Chinesen als auch später die Griechen kannten: Die perfekte Mitte bedeutet, dass zwei Extreme gleichermaßen möglich sind. Es handelt sich dabei nicht um einen festen Zustand oder Ort. Die richtige Mitte liegt in der Bewegung zwischen zwei Polen. Manchmal befindet man sich an einem Pol, der ein Extrem darstellt. Und im nächsten Moment ist man genau das Gegenteil. Dazwischen ist man in den verschiedensten Positionen. Das ist die Dynamik des Lebens.

Politik ist eine Kampfkunst. Es ist unmöglich, sich Politik ohne Konflikt und Disput vorzustellen. Zugleich muss sie bestimmten Regeln folgen. Man muss seinen Gegner respektieren. Es ist wie ein zivilisierter Krieg. Ein Dichter steht auf dem Schlachtfeld der Politik nicht besser oder schlechter da als andere. Die Poesie hat ihr eigenes Reich. Aber ich mag es, wenn sich diese Sphären vermischen. Das ist wie das Pendeln zwischen zwei Polen. Es sichert permanente Bewegung. Poetisch Politik zu machen und politisch zu dichten - die Gedanken und Gefühle auf beiden Seiten profitieren davon. Man sollte Politikern ihre poetische Seite nicht verweigern. Politiker können Poeten sein und umgekehrt.

Als ich vor den Vereinten Nationen gemeinsam mit Kofi Annan gesungen habe, geschah das spontan. Einfach, weil sich die Gelegenheit ergab. Ich war an einem sehr ernsthaften Ort. Mir wurde erlaubt, für ein, zwei Stunden Musik dorthin zu bringen. Eine Gelegenheit, die Sphären zu vermischen. Ich habe dort zum Beispiel den brasilianischen Dichter Vinícius de Moraes zitiert. Ein Poet, der zugleich Diplomat war und einige der bekanntesten brasilianischen Lieder geschrieben hat.

Meine afrikanischen Wurzeln habe ich recht spät entdeckt, wenn ich bedenke, dass ich von Schwarzen abstamme. Ich komme aus Bahia, dem Zentrum schwarzer Kultur in Brasilien. Aber es dauerte lange, bis ich mir dessen bewusst wurde. Ich wurde zu einem Mitglied der petite bourgeoisie erzogen. Ich sollte einer dieser Ärzte oder Anwälte werden. Ein Mitglied der modernen Gesellschaft, kosmopolitisch, großstädtisch, international orientiert. Ich wurde nicht darauf vorbereitet, über meine Ursprünge nachzudenken. Deshalb hat es etwas länger gedauert, bis ich mir bewusst wurde, dass wir in Brasilien eine starke afrikanische Kultur haben.

Uniformismus ist das vorherrschende Prinzip unserer Zeit. In der globalisierten Gleichförmigkeit ist es besonders wichtig, einen Begriff davon zu haben, wer man selbst ist.

Einer meiner großen Träume ist, dass in Brasilien eine gemeinsame Identität entsteht aus all den vielfältigen Strömungen, Religionen, Bevölkerungsgruppen und Kulturen, die in unserem Land leben. Ich wünsche mir eine Identität, die Verschiedenheit als Wert erkennt. Das ist eine Aufgabe, vor der im Grunde die gesamte Menschheit heute steht. In dieser Hinsicht ist Brasilien ein sehr aktuelles Land.

Musik ist Teil unseres Universums, Teil unserer kollektiven Identität. Musik kann die Welt verändern und verändert sich mit der Welt. Musik ist eine der am weitesten verbreiteten Sprachen auf der Erde. Die Menschheit hat Musik als eine ihrer wichtigsten Kommunikationsformen entwickelt. Mit Musik teilen wir uns mit, dass sich die Erde dreht.

Ich habe Bob Marley einen Bruder genannt, den ersten Popstar der Dritten Welt. Ein anderer Bruder im Geiste war John Lennon, dessen Londoner Konzert mit der Plastic Ono Band zu den großartigsten Erlebnissen meines Lebens zählt. Was Marley und Lennon gemeinsam hatten, das war die Fähigkeit zur Imagination.

Sie waren große Erfinder. Sie waren Revolutionäre. Sie haben die Wahrnehmung von Popmusik verändert. Die Art Songs zu schreiben und sie aufzuführen. Sie haben vollkommen neue Stile geschaffen. Wir Menschen sind noch immer Fleisch. Und Blut. Let it bleed!, wie die Rolling Stones einmal gesagt haben. Vielleicht kommt das Licht der Erleuchtung am Ende, wenn der Vorgang des Blutens sich erschöpft hat. Wenn wir am Ende in einen anderen Zustand übertreten. Wenn wir sterben. Der Tod ist der einzige Begriff, den wir davon haben, was es bedeutet, einen Zustand des Nichts zu erreichen. Von vollkommener Leere. Wenn die Bewegung zum erliegen kommt, körperlich und geistig - vielleicht ist das der Augenblick, in dem das Licht sich durchsetzt. Am Ende ist nur Licht. Und Dunkelheit. Der Dialog zwischen Licht und Dunkelheit, in einer Sprache, die nicht mehr unsere ist. Vielleicht ist das der Punkt, an dem man endlich fähig ist, nicht mehr fähig zu sein.

Ich bin jetzt 63 Jahre alt. Das Alter hilft, sich den fortlaufenden Veränderungen des Lebens anzupassen. Es fließen zu lassen. Es bluten zu lassen. Es sein zu lassen. To let it be. Und ich fühle mich immer wohler damit. Es ist ein glücklicher Zustand, in dem ich mit allem zufrieden bin, was immer mir geschieht. Trotz einer kleinen Unruhe, die immer bleibt, macht der Tod mir keine Angst.

Ralph Geisenhanslüke



in Die Zeit, 28.07.2005
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